Gospel auf der Südhalbkugel

Ein gar nicht so kleines schweizer-deutsches Grüppchen von über 100 Leuten hat sich Anfang 2015 aufgemacht, um in Chiles Hauptstadt Santiago an einem internationalen Gospel-Treffen teilzunehmen und die Gastfreundschaft der südamerikanischen Freunde zu genießen.

Einige TeilnehmerInnen teilen ihre Reiseerlebnisse:

Gospel-Projekt „Joy“ in Santiago de Chile

Donnerstag, 1. Januar 2015

Abflug 14.30 Uhr in Echterdingen. Eine lachende, schwatzende Gruppe stand fröhlich beieinander, in freudiger Erwartung auf eine große Reise und die Dinge, die damit verbunden waren. Wer hätte das gedacht, nicht einmal 2 Jahre nach unserem Projekt „Time to celebrate“ in Stuttgart, dass wir so schnell zu einem Gegenbesuch bei unseren chilenischen Chorfreunden eingeladen werden. „Joy“ hieß das Motto für dieses neue Projekt.

Freitag, 2. Januar 2015

Als endlich die Sonne aufstieg, glühend rot und die ersten Gipfel der Anden zu sehen waren, geriet die lange Flugreise von über 16 Stunden in Vergessenheit. Ganz gespannt auf Santiago klebten alle, die sich einen Fensterplatz ergattert hatten, mit der Nase an der Scheibe. Das Santiago-Organisations-Team mit Jon, dem chilenischen Chorleiter, begrüßte uns und hießen uns herzlich willkommen. Als wir aus dem Flughafengebäude herauskamen, schlug uns eine warme Wand entgegen, es hatte gut 25 Grad. Mit einigen Kleinbussen fuhren wir zum Sammeltreffpunkt Thomas Morus Schule in der Avenida Petro de Valdivia. Von dort aus starteten wir zu allen Aktivitäten während der Projektwoche. Hier erhielt jeder für das Projekt eine Leinentasche mit einem Stadtplan, Prospekten, Namenschild und einem Joy-Button.

Was befremdlich für viele war, überall Weihnachtsdekorationen und das im Sommer!! Als die Fahrer unsere Gepäckstücke eingeladen hatten, ging es in Richtung Innenstadt. Vorbei an Stadtvierteln, deren Häuserzustände und Außenbereiche auch das Elend dieser Stadt erahnen ließen. Nach wenigen Minuten ein riesiger Wolkenkratzer, der höchste in Südamerika, wie man uns wissen ließ.

Samstag, 3. Januar 2015

– und wir sind am anderen Ende der Welt, das machen wir uns immer wieder bewusst. Der Vormittag und Nachmittag stand uns zur freien Verfügung.

Wir wollten die Zeit nutzen und den Aussichtsberg der Stadt, San Christóbal besichtigen.

Oben angekommen, überwältigt uns eine gigantische Aussicht auf Santiago. Diese Stadt liegt in einer Ebene, die von dem Vorgebirge, den Kordilleren, und den Anden umgeben wird. Sie liegt auf 520 m, die Höhe der Anden beträgt hier ca. 5.000 m. Die Spitzen sind schneebedeckt.

Am Abend kamen wir zum ersten Treffen in „Fondacio“ zusammen. Hierbei handelte es sich um eine humanitäre Einrichtung, die früher einmal als Kelter diente, dann umgebaut wurde, und heute für soziale, christliche Projekte genutzt wird.

Wir trafen uns in dem dahinterliegenden Park, unter den großen Bäumen, wo laut kreischend Papageien saßen und ihren Beitrag leisteten. Wir begrüßten bekannte und neue Gesichter. Man lag sich in den Armen und freute sich, erzählte und hörte zu – eine wunderbare Stimmung. Auch unsere Chorleiter Tom und Jon, unser Pianist Alexander und Andreas Hausammann aus der Schweiz waren anwesend. Eine evangelische Pfarrerin hielt die Ansprache und erbat den Segen für alle, die dieses Projekt begleiteten. Man machte Fotos und vergnügte sich mit einem kleinen wilden Hund, der im Park umher rannte und bettelte. Hunde werden uns in den nächsten Tagen in allen Lebenslagen und Orten begegnen. Sie leben einzeln oder auch in Gruppen und begleiten gerne Touristen, die ihnen ab und zu etwas zukommen lassen.

Am Anfang der Probe wurde unser neues Songbook Joy ausgehändigt. Nach kurzen Eingangsworten durch Jon begannen wir mit der ersten Probe. Die Räume waren gemäß chilenischen Gewohnheiten stark klimatisiert und zusätzlich taten die Ventilatoren an der Decke ihr Übriges. Gut, dass einige einen Schal hervorholen konnten. Nachdem wir einen großen Teil der Songs geprobt hatten, beschloss Jon den Abend mit Worten und diversen Ansagen. Mit den bereitstehenden Kleinbussen fuhren wir in einem wilden Ritt zurück in die Innenstadt, zur Thomas Morus Schule. Man spürte, dass jeder Fahrer jedes Schlagloch kannte, denn jeder hatte seine eigene Art, diese zu umfahren oder sie auszulassen.

Sonntag, 4. Januar 2015

Unsere chilenischen Freunde haben für uns ein tolles Besichtigungsprogramm ausgearbeitet. Wir wurden in vier Gruppen aufgeteilt, die tagsüber im Wechsel Valparaiso, Isla Negra, Stadt Santiago und das zweitgrößte Weingut der Welt besuchten. Wie an jedem Abend fand die Probe in Fondacio statt. Es ging voran. Und die Klimaanlage wurde an die Gäste angepasst. Unser Maskottchen, das Hündchen, ist auch wieder mit von der Partie.

Montag, 5. Januar 2015

Der Tag stand zur freien Verfügung. Wir fuhren mit der Bahn zu den Markthallen, die im Stil von Eiffel erbaut wurden. Abends wieder Probe, die wie immer nicht pünktlich anfing. In Chile ticken die Uhren einfach anders. Ob wir das Programm wohl schaffen? Es schien so, als stellte sich Tom so manches Mal diese Frage. Jeder der beiden Chorleiter motivierte auf seine eigene Art und Weise den Chor. Und doch kamen wir jeden Tag ein Stück voran.

Dienstag, 6. Januar 2015

Ziel unserer Gruppe war an diesem Tag Isla Negra, um das Haus von Pablo Neruda am Pazifik zu besichtigen.

Unser Reiseleiter erzählte uns viel Wissenswertes über Chile.

Chile grenzt, im Norden angefangen, an Peru, Bolivien und Argentinien. Eine der längsten Grenze der Welt (ca. 4.500 km) trennt Argentinien von Chile. Naturräumlich bilden die Anden diese Grenze. Chile zeichnet sich durch großartigen Weinbau aus. Die Weine werden in alle Länder der Welt exportiert. Der größte Abnehmer ist die USA. Am Abend kamen wir nach einer Weingut- Besichtigung sehr gelöst zur Probe. Es schien, als greife das südamerikanische Lebensgefühl langsam auf uns über. Nach einem erfolgreichen Probenabend mit anschließenden Ansprachen und Fürbitten, sangen wir unser Segenslied „Now go in peace“ wie so manches andere Mal in dieser Woche.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Nach der Chorprobe gab es für eine Gastgruppe noch eine Überraschung. Sie sollte sich mit einigen chilenischen Sängern am nächsten Morgen früher einfinden und in „schwarz“ erscheinen. Der Grund war ein Auftritt im chilenischen Frühstücksfernsehen! MEGA heißt der Sender und ist wohl sehr bekannt. Mit einem Song sollten wir auf unsere beiden Konzerte aufmerksam machen.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Etwas Lampenfieber hatten wir schon, denn man wird ja nicht jeden Tag berühmt. Als wir ankamen, wurden wir in einen stark herunter gekühlten Raum im hinteren Bereich geführt. Dort befanden sich viele Utensilien, unter anderem auch Kleidungsstücke und Perücken, die so manchen dazu verleiteten, einiges auszuprobieren. Es entstanden sehr lustige Aufnahmen. Ludmilla, unsere Profifotografin, hatte jede Menge Motive. Nach gefühlten 1,5 Stunden und ein paar Singproben wurden wir ins Außenstudio gebeten. Ganz viele Kameramänner standen vor uns und Jon wurde von der Moderatorin befragt. Anschließend sangen wir das Lied „Happy“. Ja, und dann war das Ganze auch schon wieder vorbei. Weiter ging mit dem Bus, denn es war noch eine Stadtrundfahrt geplant.

Abends wieder Probe – aber diesmal Hauptprobe. Der Tag war anstrengend und es wurde sehr spät. Wir aber wussten: Wir geben morgen unser Bestes.

Freitag, 9. Januar 2015

Der Vormittag stand zur freien Verfügung. Am Nachmittag fanden wir uns im Centro Cultura in Chimkowe ein, es war sehr heiß.

Unterwegs, an einer Kreuzung, als der Bus anhielt, entdeckten wir einen Riesenbanner, der unseren Chor abbildete und zum Konzert einlud. Das erfreute uns alle. Die Halle wies ca. 2.700 Plätze auf. Ob wir sie füllen?

Zunächst Soundcheck, Einsingen und Stellprobe. Daraufhin erfolgte das Umkleiden und die Maske. Wir waren immer noch gespannt, ob wohl die Halle voll wird. Bis fast zu Beginn des Konzertes sah es eher nicht so aus. Aber dann. Auf einmal strömten die Menschen herbei und eh man sich versah, füllte sich die Halle mit mindestens 2500 Menschen, die von Anfang an begeistert mitmachten und tanzten. Viel Freude hatten auch die Kinder, die in den ersten Reihen fröhlich klatschend mittanzten.

Am Ende unseres Konzertes wurde laut nach Zugabe geklatscht und gerufen. Das verstanden wir auch ohne Spanisch-Kenntnisse. Dieses Konzert war eine grandiose Erfahrung, die unsere Herzen berührte.

Dem Publikum vermittelten wir in einigen Sprachen der Welt gute Wünsche.

Samstag, 10. Januar 2015

Am Nachmittag fuhren wir mit Bussen zu unserem nächsten Veranstaltungsort. Diesmal sollte es ein Open Air Konzert werden, in einem anderen Stadtteil von Santiago, auf dem „Plaza de Maipú“. Es war wieder drückend heiß. Als wir ankamen, sahen wir schon das Gerüst unserer Bühne. Wir wurden in ein Veranstaltungszentrum eingewiesen, dort saßen wir im Kühlen und wurden bewirtet. So ließ sich das lange Warten aushalten. Nach ca. 5 Stunden Wartezeit und einer kurzen Aufstellprobe in schwindelnder Höhe ging es los. Dann standen wir da, angeleuchtet von den Scheinwerfern, überall die Lichter der Stadt und der Ausblick hat uns überwältigt. Die Stühle waren alle belegt und überall verteilt standen Menschen. Ein plötzlich auffrischender Wind kühlte schnell ab und lies so manchen Sänger frösteln. Auch hier erlebten wir die Menschen, die mittanzten, klatschten und am Schluss die Zugaben einforderten. Am Konzertende ging ein Strahlen über die Gesichter der Sänger. Wir standen unterhalb der Bühne und lachten. Über uns auf einer Brücke stand ganz allein Tom und schaute auf seinen Chor, es schien, als sei er zufrieden. Zum Abschluss traf sich ein großer Teil des Chores im Restaurant Amber in der Innenstadt an einer 20 m langen Tafel.

Sonntag, 11. Januar 2015

Zur Abschiedsfeier versammelten sich ein letztes Mal alle Gospelsänger am Vormittag in Fondacio. Unsere Fotografin hatte wie immer viel zu tun. Jeder umarmte jeden aber auch Tränen blieben nicht aus. Viele Menschen waren sich in dieser Zeit nahe gekommen, haben die Chance gehabt, eine andere Kultur kennen und lieben zu lernen. Für das Gefühl, hier aufgenommen zu sein, sind viele dankbar. Jeder Chor singt ein Abschiedslied. Die Nachricht, dass der kleine herrenlose Hund, einen festen Platz in einer der Gastfamilien gefunden hat und den Namen Joy erhielt, freute uns. Die evangelische Pfarrerin und ein katholischer Geistlicher hielten zum Abschluss des Projektes einen feierlichen Gottesdienst. Im Anschluss wurden wir von unseren chilenischen Freunden mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt. Viele mussten bald zum Flughafen, andere genossen noch das Barbecue.

Eine Woche intensiver Kontakte mit viel Singen und Ausflügen ging zu Ende. Neue Kontakte zu unseren chilenischen und schweizerischen Freunden wurden geschlossen, alte Kontakte aufgefrischt. Der Abschied fiel schwer, wann sieht man sich wieder?

Ein Teil der Deutschen und der Schweizer konnte noch in Chile oder in andere Länder Südamerikas weiterreisen. Chile, die Lebensfreude seiner Menschen, seine unbeschreiblich schönen Landschaften und das gemeinsame Singen, haben einen festen Platz in unseren Erinnerungen und Herzen.

Karin u. Stefan Richter
Brigitte u. Roland Schultz